Kiew – eine Stadt wie eine Wundertüte

Der 1. Juli 2012, der letzte Tag. Eine EURO geht zu Ende, die stimmungsvoll verlief, bei der einige Klippen umschifft werden mussten, die sportlich letztlich enttäuschend für Deutschland endete. Die UEFA darf getrost ein positives Fazit ziehen, von neuen Zuschauerrekorden berichten und Michel Platinis Vorschlag, das Turnier in Zukunft auf ganz Europa zu verteilen, wird demnächst die Diskussionen beherrschen. Die Idee ist noch nicht ausgereift, doch ich fände es einigermaßen schade, wenn Nationen wie Polen oder die Ukraine – behaftet mit vielen Vorurteilen – keine Chance mehr bekämen, sich zu präsentieren. Wenn heute in Mailand, morgen in Berlin, dann in Madrid, schließlich in London und nächste Woche in Moskau gespielt wird, ginge in meinen Augen viel Flair verloren, das gerade ein Gastgeberland versprühen kann.

Hier wie da gab es in den vergangenen drei Wochen viel Neues zu entdecken und zu erfahren, bis zum letzten Tag hielt das an. Mein Kollegen Hardy Hasselbruch (dem ja bekanntlich ein Restaurant in der ukrainischen Hauptstadt förmlich vor der Nase abfackelte) sah sich bei der Suche nach neuen Lokalitäten mal in der gehobenen Klasse um und erlebte Kiews “High Society”.

“Diese Stadt ist wie eine Wundertüte. Wirklich. An jedem Tag, an jeder Ecke lauert eine Überraschung. Selbst nach drei Wochen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew muss man sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Kein Tag ist wie der andere und deshalb gilt: Langweilig wird’s hier nie.”

Ist ja auch die Metropole. Mit prunkvollen Gebäuden, weitausladenden Straßen, mit großen Parks mitten in der Stadt und verdammt vielen Kirchen jeder Couleur. Wegen der großen Anzahl an Gotteshäusern und Klöstern und seiner Bedeutung für die orthodoxe Christenheit wird Kiew seit dem Mittelalter gern auch als “Jerusalem des Ostens” bezeichnet. Gut, als bekennender und registrierter Atheist bewundere ich die imponierenden Bauten nur von außen – ein bisschen Distanz sollte schon sein.

Distanz braucht man aber nicht nur in Glaubensfragen. Gestern war es mal wieder so weit. Mit zwei Kollegen war ich im “Obalon”. Ein Nobeletablissement, direkt um die Ecke ist die Deutsche Botschaft. Unmittelbar vor dem Eingang parkte, standesgemäß, ein goldener Rolls Royce. Drinnen mehrere Gruppen aus verschiedenen Nationen, Libanesen, die unvermeidlichen Chinesen und natürlich Ukrainer. Nicht die normalen, nein, die mit der ganz dicken Brieftasche. Irgendwo im breiten Divan fast versunken eine Gruppe junger Männer, von Beruf Sohn, die irgendwann ein Business beginnen, übernehmen oder erben. Gestern ließen sie sich gelangweilten Blickes eine Shisa kredenzen – von einer beleibten Dame aus der Bauchtanzgruppe, die irgendwo in diesem ausladenden “Tempel” zwischen Vor- und Hauptspeise ihr Unwesen trieb.

Ach ja, und dann bekamen die Jungs Besuch von ihren “Elfen”. Die “hochhackigen Gazellen”, wie ein Kollege immer zu sagen pflegt und die in Kiew nirgends fehlen. Gut gestylt, auffällig gut gekleidet. Zuerst überprüfen sie immer, so habe ich es mir berichten lassen, immer die Bonität des Kavaliers. Beispielsweise so: Der Erwerb neuer Schuhe im Wert von 3000 Dollar stünde an (bei der Höhe der Absätze kein Wunder!), ob man denn mit dem Geld rechnen könne. Nichts für meinen Geldbeutel, erst recht nicht bei dem kärglichen Spesensatz. Dennoch: Das bunte und dann ja auch durchaus illustre Treiben machte Spaß, in unserem Alter reicht ja durchaus die Position des Beobachters und ein altes Motto bekam neuen Wert: Je später der Abend, desto schöner die Gäste!

Tags drauf herrscht wieder Alltag. Ukrainischer und Kiewer Alltag. Erst Stromausfall. Natürlich unangekündigt, dabei hätte ich eigentlich mal was arbeiten wollen. Die Freude, dass der Laptop nach einer Stunde wieder lief, wurde umgehend wieder getrübt. Nach einer langen Woche der Ankündigung lief Olga ein, die Putzfee von der Gesellschaft, die mir die Hütte vermietet hatte. Doch als Olga loslegen wollte, war das Wasser abgestellt. Selbst der schnelle Anruf bei Andriy, dem allgegenwärtigen Verwalter, der seinen schlecht bezahlten Job als Französisch-Lehrer an der Universität zugunsten dieser Kalfaktor-Tätigkeit aufgegeben hat, konnte diesmal nicht sofort helfen. Immerhin hat der kluge Ukrainer für solche Fälle Improvisationsmöglichkeiten. In der Küchenzeile stand ein 10-Liter-Kanister mit Wasser. Dann wurde geputzt, was das Zeug hielt. Wie schon gesagt, diese Stadt ist wie eine Wundertüte!

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