Kiew – eine Stadt wie eine Wundertüte

Der 1. Juli 2012, der letzte Tag. Eine EURO geht zu Ende, die stimmungsvoll verlief, bei der einige Klippen umschifft werden mussten, die sportlich letztlich enttäuschend für Deutschland endete. Die UEFA darf getrost ein positives Fazit ziehen, von neuen Zuschauerrekorden berichten und Michel Platinis Vorschlag, das Turnier in Zukunft auf ganz Europa zu verteilen, wird demnächst die Diskussionen beherrschen. Die Idee ist noch nicht ausgereift, doch ich fände es einigermaßen schade, wenn Nationen wie Polen oder die Ukraine – behaftet mit vielen Vorurteilen – keine Chance mehr bekämen, sich zu präsentieren. Wenn heute in Mailand, morgen in Berlin, dann in Madrid, schließlich in London und nächste Woche in Moskau gespielt wird, ginge in meinen Augen viel Flair verloren, das gerade ein Gastgeberland versprühen kann.

Hier wie da gab es in den vergangenen drei Wochen viel Neues zu entdecken und zu erfahren, bis zum letzten Tag hielt das an. Mein Kollegen Hardy Hasselbruch (dem ja bekanntlich ein Restaurant in der ukrainischen Hauptstadt förmlich vor der Nase abfackelte) sah sich bei der Suche nach neuen Lokalitäten mal in der gehobenen Klasse um und erlebte Kiews “High Society”.

“Diese Stadt ist wie eine Wundertüte. Wirklich. An jedem Tag, an jeder Ecke lauert eine Überraschung. Selbst nach drei Wochen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew muss man sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Kein Tag ist wie der andere und deshalb gilt: Langweilig wird’s hier nie.”

Ist ja auch die Metropole. Mit prunkvollen Gebäuden, weitausladenden Straßen, mit großen Parks mitten in der Stadt und verdammt vielen Kirchen jeder Couleur. Wegen der großen Anzahl an Gotteshäusern und Klöstern und seiner Bedeutung für die orthodoxe Christenheit wird Kiew seit dem Mittelalter gern auch als “Jerusalem des Ostens” bezeichnet. Gut, als bekennender und registrierter Atheist bewundere ich die imponierenden Bauten nur von außen – ein bisschen Distanz sollte schon sein.

Distanz braucht man aber nicht nur in Glaubensfragen. Gestern war es mal wieder so weit. Mit zwei Kollegen war ich im “Obalon”. Ein Nobeletablissement, direkt um die Ecke ist die Deutsche Botschaft. Unmittelbar vor dem Eingang parkte, standesgemäß, ein goldener Rolls Royce. Drinnen mehrere Gruppen aus verschiedenen Nationen, Libanesen, die unvermeidlichen Chinesen und natürlich Ukrainer. Nicht die normalen, nein, die mit der ganz dicken Brieftasche. Irgendwo im breiten Divan fast versunken eine Gruppe junger Männer, von Beruf Sohn, die irgendwann ein Business beginnen, übernehmen oder erben. Gestern ließen sie sich gelangweilten Blickes eine Shisa kredenzen – von einer beleibten Dame aus der Bauchtanzgruppe, die irgendwo in diesem ausladenden “Tempel” zwischen Vor- und Hauptspeise ihr Unwesen trieb.

Ach ja, und dann bekamen die Jungs Besuch von ihren “Elfen”. Die “hochhackigen Gazellen”, wie ein Kollege immer zu sagen pflegt und die in Kiew nirgends fehlen. Gut gestylt, auffällig gut gekleidet. Zuerst überprüfen sie immer, so habe ich es mir berichten lassen, immer die Bonität des Kavaliers. Beispielsweise so: Der Erwerb neuer Schuhe im Wert von 3000 Dollar stünde an (bei der Höhe der Absätze kein Wunder!), ob man denn mit dem Geld rechnen könne. Nichts für meinen Geldbeutel, erst recht nicht bei dem kärglichen Spesensatz. Dennoch: Das bunte und dann ja auch durchaus illustre Treiben machte Spaß, in unserem Alter reicht ja durchaus die Position des Beobachters und ein altes Motto bekam neuen Wert: Je später der Abend, desto schöner die Gäste!

Tags drauf herrscht wieder Alltag. Ukrainischer und Kiewer Alltag. Erst Stromausfall. Natürlich unangekündigt, dabei hätte ich eigentlich mal was arbeiten wollen. Die Freude, dass der Laptop nach einer Stunde wieder lief, wurde umgehend wieder getrübt. Nach einer langen Woche der Ankündigung lief Olga ein, die Putzfee von der Gesellschaft, die mir die Hütte vermietet hatte. Doch als Olga loslegen wollte, war das Wasser abgestellt. Selbst der schnelle Anruf bei Andriy, dem allgegenwärtigen Verwalter, der seinen schlecht bezahlten Job als Französisch-Lehrer an der Universität zugunsten dieser Kalfaktor-Tätigkeit aufgegeben hat, konnte diesmal nicht sofort helfen. Immerhin hat der kluge Ukrainer für solche Fälle Improvisationsmöglichkeiten. In der Küchenzeile stand ein 10-Liter-Kanister mit Wasser. Dann wurde geputzt, was das Zeug hielt. Wie schon gesagt, diese Stadt ist wie eine Wundertüte!

Demnächst bitte wieder ordentliche Klamotten!

So spielt das Leben: Nach all den Wochen mit der Nationalmannschaft und dem ganz großen Fußball hatte ich mich richtig darauf gefreut, das Training meines Sohns zu sehen, D-Jugend, Viktoria Frechen. Woran ich nicht gedacht habe: Elianos Trainer ist Italiener. Und dass der heute doppelt Spaß hatte, brachte mir den gestrigen Abend noch einmal schmerzhaft in Erinnerung. Trotzdem: Viel Glück, Pietro. Um mit Ingo Zamperoni, dem seit gestern berühmten Tagesthemen-Moderator zu sprechen: “Möge der Bessere gewinnen!” Aber sei so lieb und zieh’ demnächst wieder ordentliche Klamotten an!

Schade – ab jetzt heißt das Ziel Brasilien 2014

Mats Hummels und Stephané Lannoy

Mats Hummels und Stephané Lannoy

Am Ende ging mir auch noch der Schiedsrichter auf den Senkel! Was für eine arrogante Korinthenkackerei. Erst gibt er Freistoß, dann pfeift er ab. Lässt nicht mehr nachspielen, auch nicht die Minute, die eben vergeht bei einem Elfmeter und dessen Begleitumständen. Der Franzose hat viele Kleinigkeiten gegen Deutschland gepfiffen, den Strafstoß für uns – er war nicht gut, aber Schuld an der Niederlage trug er nicht!

Nehmen wir allein das Spiel, dann war Deutschland klar besser. Mehr Ballbesitz, mehr gewonnene Zweikämpfe, eine deutlich positive und höhere Passquote, mehr Torschüsse, mehr Eckbälle, weniger Fouls – jede Statistik sprach für unsere Mannschaft, nur die entscheidenden Werte standen auf Seiten der Italiener. Zwei zu eins! Schade.

Hummels machte nicht viele Fehler in diesem Turnier, Badstuber nicht, Lahm ebenfalls nicht. Doch auf diesem Niveau wird dir jeder Patzer, der dir unterläuft, direkt vorgerechnet. Und dann rappelt es eben im Karton.
Die Noten einer großen deutschen Zeitung sind soeben veröffentlicht worden und ich frage mich: Waren das wirklich alles Fünfer und Sechser? Oder sind die einfach nur enttäuscht, weil sie in ihrem “schwarz-rot-geil”-Wahn Niederlagen nicht erlauben. Und persönlich beleidigt sind, wenn es anders kommt als aus Berlin befohlen.

Schade! Die EURO ist für Deutschland vorbei. Doch es gibt noch ein Finale und da werden die Italiener – ich bin sicher- Spanien einen großen Kampf liefern. Mein Favorit heißt Italien, der Trend spricht für klar für das Team von Cesare Prandelli, dem Trainer, dem der italienische Fußball schon heute so viel zu verdanken hat.
Und Deutschland? Augen zu und durch. Der nach großen Turnieren oft so nötige Umbruch kann ausbleiben, Jogi Löw wird das Geschehen analysieren und dann mit diesem Kader einen neuen Anlauf nehmen. Große Veränderungen wird es nicht geben. Das Ziel heißt Brasilien 2014. Ein lohnendes Ziel. Danke Polen, danke Ukraine – aber der Blick muss jetzt nach vorne gehen!

Menschenauflauf statt Makkaroni-Auflauf

Kiew rückt immer mehr in den Fokus, nach der Partie in Warschau heute Abend gibt es eben nur noch diese eine Partie im Stadion “Olimpiski” der ukrainischen Hauptstadt. Während sich der ein oder andere seit Wochen überlegt, wie er zwar Fußball live sehen, aber auch dem ukrainischen Staatschef öffentlichkeitswirksam aus dem Wege gehen kann, treiben hart arbeitende Journalisten ganz andere Probleme um. Weil sie während der Spiele nicht vom Top-Class-Caterer versorgt werden, müssen sie sehen, wo sie vorher etwas abkriegen. Kollege Hardy Hasselbruch, unser Mann in Kiew, hat da auch was gefunden. Schon gleich zu Beginn der EURO. Geniale Lage, aber versehen mit einer Menge Tücken. Aber: Lest selbst!

Menschenauflauf statt Makkaroni-Auflauf

Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Es gibt weiß Gott nicht wenige Restaurants in Kiew. Bevorzugt werden natürlich jene, die wenigstens über eine englische Übersetzung der Speisekarte verfügen. Selbst da kommen häufig genug noch die eine oder andere Überraschung auf den Teller. Nun ja: andere Länder, andere Sitten! Sei’s drum, es gibt Schlimmeres.

Mit einem Restaurant scheinen wir (ein paar Kollegen und ich) aber überhaupt kein Glück zu haben. Dabei hat es für die tägliche Arbeit eigentliche eine geniale Lage. Vis-à-vis des Media-Centers im Palats Sportu, dem Sportpalast zu Kiew, wo gewöhnlich ein Eishockeyteam unterwegs ist, und praktisch neben dem Olimpiski-Stadion, dort wo die EM-Spiele in der ukrainischen Hauptstadt ausgetragen werden, liegt ein kleines, neues Restaurant mit Außenterrasse. Wohl gerade rechtzeitig zur EURO, wie so vieles hier, noch fertiggeworden.

Zu Beginn des Turniers fehlte der unerlässliche Bildschirm draußen, um die laufenden Spiele zu beobachten. Der hing dann zwei Tage später an der Wand. Wie von Zauberhand angebracht. Antennen- und Stromkabel improvisiert durchs Fenster gelegt, aber ein passables Bild. Alles comme il faut – so wie man’s braucht. Dafür kam aber das Essen nicht. Als die Iren gegen die Italiener schon müde waren, da warteten wir noch immer. Wenigstens irgendwas zwischen die Zähne. Irgendwann kam eine mehr schlecht als recht radebrechende Bedienung mit Riesenohren und beichtete, dass die Bestellung wohl vergessen worden sei. Als sie dann kurz vor Mitternacht nachgereicht wurde, war es fast egal, dass die Hähnchenbrust einem Schnitzel gleich auf dem Teller lag und dass der “Spicy Reis” ernüchternd weiß und fad danebenlag – ohne einen Anflug von Gewürz. Na ja, der Hunger treibt’s hinein…

Am vergangenen Donnerstag dann der dritte Anlauf, einfach auch der guten zentralen Lage geschuldet. Aber auch da hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Doch der konnte, diesmal ausnahmsweise nichts dafür. Im Dachstuhl des Hauses war ein Feuer ausgebrochen. Und die hiesige Feuerwehr wässerte das Gebäude kräftig von oben – mit mehr oder weniger untauglichen Versuchen. Die Feuerwehr-Fahrzeuge machten den Eindruck, als wären sie gerade noch heil vom Afghanistan-Krieg zu den Endzeiten der UdSSR zurückgekehrt. Der Rest war Staunen: Menschenauflauf statt Makkaroni-Auflauf.

Bei den Wassermengen, die recht lieb- und planlos in das Haus gejagt wurden, steigt die Befürchtung, dass das Etablissement nicht mehr rechtzeitig abgetrocknet ist bis zum Finale in Kiew. Dann müssen wir uns halt was anderes suchen…

Spanien also! Kommt es zur Neuauflage?

EM-Aus für Ronaldo und Co.

EM-Aus für Ronaldo und Co.

Spanien also! Wie Deutschland 1972, 1974 und 1976 erreicht die “Rote Furie” ihr drittes Endspiel hintereinander, kann nach der EURO 2008 und der WM 2010 das dritte Turnier in Folge gewinnen – wunderbare Aussichten!

Doch sind sie so wunderbar? Mir taugt das Spiel gegen Portugal mit diesem glücklichen (wenn auch verdienten) Sieg als weiterer Hinweis darauf, dass sich was dreht bei den Spaniern. Dass diese große Generation ihren Zenit überschritten hat. Was eben passierte gegen die Portugiesen (die ja auch beileibe keine Übermannschaft stellen), bestätigte den Trend der EURO: Die vorgebliche Dominanz der Xavi, Iniesta und Co. ist keine wirkliche, denn: Wem nützt Ballbesitz, wenn er nicht wirklich was bringt? Und dass diese Truppe kurz vor Ende der regulären Spielzeit noch in einen Konter läuft – das kennt man so von ihr auch nicht.

Diese letzte Chance der Portugiesen (und es war eine große Möglichkeit!), vergab Cristiano Ronaldo kläglich. Umso dramatischer für ihn, dass er die allerletzte Möglichkeit zur Korrektur gar nicht mehr bekam. Ich gehe mal fest davon aus, dass er den letzten Elfmeter schießen wollte, um anschließend als gefeierter Held da zustehen. Künstlerpech! Er raufte sich das gegelte Haar, vergoss Tränen der Enttäuschung und wird es garantiert demnächst anders machen.

Deutschland kennt also nun den möglichen Finalgegner und wird jetzt noch ein wenig motivierter in die Partie gegen Italien gehen – wenn dies überhaupt möglich ist. Ein Finale gegen den Titelverteidiger – mehr ist nicht möglich als die Neuauflage der Partie von 2008. Aber dazu muss ein Sieg gegen die “squadra azzurra” her. Wenn nötig, im Elfmeterschießen!

Stressfrei mit Spaßfaktor: Boulevard, Bäume und Badenixen

Boulevard

Boulevard

Es neigt sich alles dem Ende zu. Bin gespannt, ob es ein glückliches Ende wird oder diese Mannschaft um Jogi Löw weiter eine „Unvollendete“ bleibt. Heute Abend in Donezk entscheidet sich, ob die Spanier ihren Nimbus wahren können oder demnächst mit neuen Leuten einen neuen Anlauf nehmen müssen auf die ganz großen Pokale. In der Champions League waren andere vorne, ich bin gespannt auf das Spiel in Donezk.

A propos Donezk! Mit seinen wunderschönen Geschichten hat uns mein Kollege Oliver Bitter während der EURO die Stadt im Osten der Ukraine nahe gebracht.

Heute ist er ein letztes Mal dran und er beschreibt uns den Weg, den er heute auch zum letzten Mal gehen wird. Und wieder wird deutlich: Donezk ist viel, viel besser als sein Ruf. Und Obi wahrscheinlich bald Tourismussprecher der Stadt. Aber bedient Euch selbst!

Malerischer Weg

Malerischer Weg

„Mensch, was musste ich da lesen? Stau auf der Anfahrt in Danzig? Schlaglöcher in Lemberg? Dann mache ich dich mal ein bisschen neidisch. Ich habe dir ja von meinem Bunker in Donezk berichtet, das ist wirklich ein schäbiges Haus. Aber die Lage: Sensationell. Ich möchte wetten, dass ich von allen kicker-Reportern die angenehmste „Anreise“ zu meinen insgesamt fünf EM-Spielen hatte.

Dann mache ich euch mal den Mund ein bisschen wässrig mit meinem Weg zur Donbass-Arena! Ich verlasse also meinen Wohnblock, schlendere zu Fuß am Kalmius entlang, einem wunderschönen Stausee, über einen netten Boulevard, unter Bäumen, werde von leicht bekleideten Inliner-Fahrerinnen überholt, es sind abends um Fünf immer noch locker über 30 Grad. Da stehen am Rande einige Trimm-Geräte, und ein Bursche verkauft aus seinem Auto Kaffee, sogar mit Syrup dazu (schmeckt das wirklich?), Starbucks auf Ukrainisch also.

Stausee

Stausee

Und dann kommt so eine kleine sandige Bucht mit ein paar Badenixen. Ihr wollt, dass ich „Badenixen“ näher definiere? Es sind überwiegend Babuschkas, die nicht in unserer Gewichtsklasse ringen. Ü 60 schätze ich, älter als 60 also, und Ü 80, mehr als 80 Kilo. Okay, hier kommt die volle Wahrheit: Ein Stückchen weiter räkeln sich tatsächlich und tagtäglich ein paar andere Schönheiten, U 35 (Jahre) und U 55 (Kilo), im knappen Bikini. Wow…

Stadion bei Nacht

Stadion bei Nacht

Aber ihr kennt mich ja, ich wollte zum Stadion und bin deshalb jedesmal unverzüglich weiter marschiert. Nach 20 Minuten lockerem Fußmarsch durch das sonnige Donezk bog ich um die Ecke und… wieder mal wow. Was für eine Arena. Wie ein gerade gelandetes UFO in einem herrlichen Park steht sie da und spätestens dann wird jeder zum Japaner. Das heißt: Wer hier an der Kreuzung Cheliuskintsev/Mira Ave. um die Ecke biegt, der zückt seine Kamera, sein I-Phone, sein Handy, was auch immer, und macht ein Erinnerungsfoto von diesem Traumstadion, das erst vor drei Jahren eröffnet und von der UEFA mit fünf Sternen ausgezeichnet wurde. Völlig zu Recht!

kicker-Redakteur Oliver Bitter am Ziel

kicker-Redakteur Oliver Bitter am Ziel

Noch mal: Dieses Wunderwerk der Technik erreichte ich immer gemütlich zu Fuß, ohne Stau, ohne Stress, auf einem herrliche Weg in nicht mal 30 Minuten. Jeder weiß, so lange brauchst du bei einem normalen Spiel auf Schalke oder in Dortmund manchmal von der Autobahnausfahrt bis zum Presseparkplatz. Die Spiele waren bisher nicht so doll, aber der Weg war hier das Ziel, und dieses Ziel war obendrein auch noch ein Traum.

Also, hoffentlich liest das der Chef nicht. Sonst kürzt der noch meine Spesen. Von wegen hoher Spaßfaktor. Denn den, das gebe ich ehrlich zu und als Kompliment an Donezk gerne weiter, den hatte ich hier. Danke, Donezk!“

Gedanken zum Abschied

Fans in Breslau

Fans in Breslau

Es blieb am Ende nur der leise Unmut über das Wetter. Alles andere war optimal. Hotel, Trainingsplatz, Infrastruktur – Polen erwies sich als toller Gastgeber, wenn die Sonne schien, als perfekter!
Nun geht es nach Warschau und mit dem Schlusspfiff der Partie unserer Nationalmannschaft gegen Italien endet am Donnerstag die EURO in Polen.

Es ist viel darüber spekuliert worden, ob die Milliarden, die in Stadien, Bahnhöfe, Flughäfen und Straßen gesteckt wurden, sich rentieren. Ich bin der Meinung, man kann es nicht aufrechnen, man wird nie behaupten können: „Dies lohnt sich, das nicht.“

Aber wer das Polen von heute mit dem von vor 15 Jahren vergleicht, der muss konstatieren: Das Land lebt, es entwickelt sich, es ist jung und mitten im Sprung. Attraktive Städte, gastfreundliche Menschen, befahrbare Straßen, Berge im Süden mit hochentwickelten Wintersportorten, im Norden die Ostsee mit ihren Kur- und Badeorten, dazwischen immer wieder Kulturstädte wie Breslau, Warschau oder Krakau. Selbst die oberschlesische Kohle-Region um Kattowitz, Chorzow, Zabrze oder Bytom beginnt mit der vorsichtigen Rekultivierung.

Die Verfehlungen der jahrzehntelangen kommunistischen Planwirtschaft mit ihren schlimmen Bausünden sind auch heute noch deutlich sichtbar. Doch sie verblassen zunehmend, man schafft es mittlerweile viel einfacher, an den Klötzen vorbei zu schauen und die liebevoll restaurierten Innenstädte zu bestaunen.

Polen – das bestätigten mir Dutzende von Kollegen – wird in Zukunft mehr denn je eine Reise wert sein. Der Co-Gastgeber der EURO 2012 machte ungewollt den Partnern aus der Ukraine deutlich, woran es zwischen Lemberg und Donezk hakt. Bei aller Mühe, die man sich gab, bei allen liebevollen Versuchen, den Gästen den Aufenthalt schmackhaft zu machen: Die Ukraine ist das Tor zum Osten, Polen gehört längst zum Westen.

Am Ende bleibt, was man sich vorher bereits dachte, allerdings nicht mit dieser Nachhaltigkeit: Polen schrieb tatsächlich eine Erfolgsgeschichte, die sich nachhaltig positiv auswirken sollte.

Ach ja. Das Wetter hätte besser sein können! Und so richtig gut kicken können sie auch nicht.

Das Warten auf Überraschendes

Regenpause in der Donbass-Arena - alles fake?

Regenpause in der Donbass-Arena - alles fake?

Der deutsche Halbfinalgegner steht fest. Und mit Italien haben wir ja ohnehin noch ein, zwei, drei oder vier Rechnungen offen. Gut also, dass die ganz schön fußkranken Engländer nicht weiter gekommen sind. Es hätte den Finaleinzug entwertet.

Es hat ja was für sich, Fußball auf der Couch daheim zu gucken. Da lernt man von ARD-Kommentator Steffen Simon nämlich, dass sich die Zeit der goldenen englischen Generation dem Ende zu neigt. Aha! Hat der gute Mann nicht mitgekriegt, dass die goldene Generation der Engländer Namen trug wie Rio Ferdinand, David Beckham, Paul Scholes, Gary Neville, Michael Owen oder Sol Campbell. Die jungen Hüpfer damals hießen Lampard oder Terry, heute längst alte Hasen im Winter der Karriere.

Da neigt sich nichts dem Ende zu. Da ist etwas längst zu Ende, was vor allen Dingen eines nie war: Golden! Die Engländer sind immer heim auf die Insel gedüst, wenn die anderen sich zum richtig großen Fußball getroffen haben. Wie auch jetzt wieder. Nein, so imponierend stark (leider auch stark verschuldet) die Premier League sich präsentiert, die “Three Lions” erinnern immer an den Löwen, der kraftvoll und mutig abspringt, um schließlich als Bettvorleger zu landen. Die immer schlimmer werdende Leistung am Sonntag besaß schon etwas von Feigheit vor dem Feind, dass sie sich ins Elfmeterschießen retten wollten, offenbart die ganze Verzweiflung dieser blechernen Generation – das können sie nun wirklich nicht! Da ändert auch Chelseas Sieg gegen die Bayern nichts dran.

Nein, überraschend war das Aus nicht. Wie überhaupt wenig überrascht bei dieser EURO. Aber das soll Oliver Bitter euch erzählen. Viel Spaß dabei!

“Drei Spiele noch. Halbfinale Donezk, Halbfinale Warschau, Endspiel Kiew, finito. Schicht. Aber ich warte. Ich warte immer noch.

Ich warte auf Überraschendes.

Spanien, Portugal, Italien und Deutschland sind im Halbfinale unter sich. Überrascht das wirklich jemand? Ist der Papst katholisch?

Das ist ein Einlauf, den wohl 99 von 100 Fußballfreunden genau so erwartet hätten. Und der eine, der was anderes tippte, ist wahrscheinlich Holländer. Okay, dass die Oranjes ohne jeden Punkt nach Hause fahren, das ist schon ein bisschen überraschend. Aber nur ein bisschen.

Und sonst? Dass die Russen stark starten und dann abbauen? Schon oft gesehen. Dass die Iren toll singen, aber nicht so klasse Fußball spielen? Wissen wir. Dass der gute alte Trap nach drei Spielen fertig haben würde, das haut uns nicht wirklich um. Dass es für die beiden Gastgeber-Länder letztlich nicht ganz bis ins Viertelfinale reichen würde? War eigentlich klar.

Wo also sind die Dänen, die vom Strand kommen, zwischendurch schnell bei McDonald’s einen Big Mac einwerfen und dann den Gegner frisch von der Leber weg vom Platz fiedeln? Kann mal jemand Richard Möller-Nielsen reaktivieren?

Wo sind die Griechen, die viel mauern und ein bisschen ins Tor treffen, wie damals unter Rehhakles, und alle erstaunen?

Wo bleibt der richtige Hammer der Euro 2012?

Hier in Donezk, dem östlichen Außenposten, haben sie sich wenigstens ein bisschen Mühe gegeben mit ihren Inszenierungen. Hier schwingen sie wirklich vor jedem Spiel den Hammer. In echt. Denn in Erinnerung der Tradition als Industriestandort zeigen sie in der Donbass-Arena vor jedem Match eine Choreographie, in der ausgewählte junge Menschen in Blaumännern (die hier übrigens orange sind) mit überdimensionalen Hämmern aus Plastik über den Rasen tanzen.

Und nun zu den richtigen Hämmern. Denn in zwei der vier Spiele haben sie sich hier wirklich mal Überraschendes ausgedacht. Wenn sonst schon so wenig passiert.
Nummer eins: Das Gewitter beim Spiel Ukraine gegen Frankreich. Alles fake. Hier sind jeden Tag mindestens 30 Grad, kein Wölkchen ist zu sehen. Und hier soll plötzlich ein Gewitter niedergehen, just als die ganze Welt nach Donezk schaut, oder zumindest Fußball-Europa? Unsinn. Alles von irgendeinem Oligarchen arrangiert und von der Stadionregie eingespielt, damit dieser Flecken im Osten der Ukraine mit dieser einstündigen Spielunterbrechung nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Nummer zwei: Das Nicht-Tor der Ukrainer gegen England. Hat wirklich jemand geglaubt, die komplette ungarische Combo der etwa 25 Unparteiischen hätte nicht gesehen, dass der Ball meilenweit hinter der Line war? Unsinn. Alles abgesprochen, um mal was wirklich Überraschendes zu bieten. Eine Szene, über die die Leute reden, anstatt schon auf dem Nachhauseweg zu vergessen, wer da eigentlich gegen wen gespielt hat. In Donezk damals… weißt du noch?

Und sonst?

Drei Spiele bleiben noch für so ein richtiges Überding auf dem Platz. Die Frage stellt sich: Was könnte uns da mal so richtig überraschen?

Da gibt es schon noch was. Wenn Cristiano Ronaldo, statt immer so eine Welle beim Freistoß zu machen, mal anläuft wie ein vernünftiger Mensch und nicht dasteht wie John Wayne. Oder wenn Mesut Özil mal ein Kopfballtor macht, das wär doch was. Oder wenn Mario Gomez mal gefeiert würde als der deutsche Spieler mit der größten Laufleistung. Das würde mich dann wirklich mal überraschen.”

Das Wort zum Sonntag – mit Jesus persönlich …

Jesus, Maria und Juan in der Hitze von Donezk

Jesus, Maria und Juan in der Hitze von Donezk

Nach knapp zwölf Stunden Fahrt kam ich gestern gerade noch rechtzeitig in Köln an, um mir das Viertelfinale Spanien gegen Frankreich anzusehen und ich gebe zu: Ich war froh, als es vorbei war und ich beruhigt in die Falle gehen konnte. Wenn die Spanier nicht zu ihrer Zielstrebigkeit finden, wird Tiki-Taka schnell zu Taka-Tuka und die “Rote Furie” mutiert zum “Kleinen Onkel”, wie Pippi Langstrumpf ihr Pferd nannte. Natürlich imponiert auch mir diese Passgenauigkeit, diese verblüffende Dominanz und diese Jagd auf den Ball tief in der gegnerischen Hälfte. Doch mich überkommt bisweilen der Eindruck, dass da etwas fehlt, dass dieser eng gewobene Pass-Teppich an den Seiten langsam ausfranst. Vicente del Bosque fand bislang kein überzeugendes Offensivkonzept. Lassen wir das Spiel gegen die überforderten Iren mal raus, dann bleiben 16 Torchancen in drei Spielen – das ist nicht so überzeugend angesichts der mitunter erdrückenden Überlegenheit und Ballbesitzanteilen von rund 70 Prozent. Bei den Deutschen sind es zwar nicht mehr, die haben aber den Trend auf ihrer Seite – gegen Griechenland gab es Top-Möglichkeiten gleich im Dutzend. Ich bin sicher: Wer die Pass-Frequenz der Spanier einschränken und Akzente nach vorne setzen kann, der wird den Titelverteidiger schlagen können. Denn die Abwehr ist anfällig, das zeigte sich deutlich im Auftaktspiel gegen Italien und mit Abstrichen gegen Kroatien, Sergio Ramos und Pique offenbarten dort eine Menge Probleme, wenn es schnell wurde. Und die Außenverteidiger finden zu selten die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive.

So sehe ich es – Millionen Spanier werden es anders sehen.

Dass es mindestens einer so sieht wie ich und Deutschland als Europameister tippt – das erzählt Kollege Oliver Bitter in seinem neuen Donezk-Döneken. Aber lest selbst:

“Ich kann da ganz offen drüber reden. Ich hab ja mal wieder ein Ründchen gedreht. Dabei habe ich Jesus getroffen, und er hat zu mir gesprochen. Nicht in der Kirche, sondern auf offener Straße, auf dem Puschkin-Boulevard, da wo Donezk am schönsten ist. Wo nette Bänke zum Verweilen einladen in piekfeinen Parkanlagen, wo die Blumenbeete aussehen, als würde sich jeden Tag eine ganze Kompanie Frauen liebevoll um jede einzelne Pflanze kümmern. Was übrigens tatsächlich der Fall ist.

Dort also traf ich Jesus.

Klasse, wird der geneigte Leser jetzt sagen, wir haben es ja schon immer vermutet. Ständig Borschtschtschtsch futtern, zu viel Kwas trinken, jeden Tag mindestens 30 Grad und immer die volle Sonne auf die Birne, nie ‘ne Kappe tragen – das war ja klar, dass der irgendwann abdreht.

Njet, liebe Freunde, alles im grünen Bereich im östlichen Außenposten der Euro 2012. Das liegt vielleicht auch an Jesus. Also eigentlich “Chchesus”, wie er sich vorgestellt hat, mit diesem einzigartigen spanischen Laut von ganz tief hinten, den höchstens die Koryphäen in unserem Spanisch-Kurs so hinbekommen haben. “Cchhesus”, dieser Jesus also, kommt nicht aus Nazarath, sondern aus Madrid und arbeitet als Fan-Polizist. Er ist während der EM mit den Freunden des Tika-Taka-Fußballs auf Tour – und kriegt auch noch Geld dafür.

Bis jetzt war’s ein lauer Job, sagt Jesus. Alles ruhig bisher in Polen und auch jetzt in Donezk. Verliert mal einer seiner Landsleute seinen Pass oder gerät in eine handfeste Auseinandersetzung, dann springt Jesus ein und hilft. Bisher ist aber nichts passiert. Klingt ganz nach einer friedlichen Veranstaltung. Das gleiche hat mir nämlich auch sein Kollege Paul aus dem englischen Hull erzählt, der zuvor mit den englischen Fans hier auf Tour war.

Die Engländer sind weiter gezogen, nun kommen die Spanier. 8000 waren es beim Spiel gegen Italien in Danzig, sagt Jesus, 3000 sind hier in Donezk. Damit aber auch schon genug der Zahlen. Kommen wir zu dem, was wirklich zählt. Si claro, das Halbfinale ist erreicht, war klar. Und dann kommt seine wahre Prophezeiung. Es wird ein Finale geben, und es werden sich Spanien und Deutschland gegenüber stehen, sagt er so oder so ähnlich, und siehe da, es wird großes Wehklagen geben auf Seiten der Spanier, denn die Deutschen werden obsiegen. Okay, das war jetzt nicht die wörtliche Wiedergabe, aber der Kern seiner Botschaft ist klar: Der Spanier hat Bammel. Sagt Jesus. Der Welt- und Europameister denkt voller Respekt an Schweini, Khedira, Reus und Konsorten. Bravo, Jesus, gracias. Der Mann muss es schließlich wissen, er ist ja ständig hautnah dran am Geschehen.

Wie belastbar diese Aussage ist, ob der Spanier an sich also genau so denkt, habe ich dann nicht mehr überprüft. Jessesmaria, ich musste ja schon ein wenig schmunzeln. Denn dann hat Jesus mir seine beiden Fan-Polizisten-Kollegen vorgestellt, und ich habe mich verstohlen umgeschaut, ob vielleicht irgendwo eine versteckte Kamera verborgen ist und einer von „Verstehen Sie Spaß“ wie einst Zieten aus dem Busch kommt. „Das ist Juan aus Valencia. Und das ist Maria“, sagt Jesus ganz ernst, und wahrscheinlich ist ihm das Lustige an der Situation komplett entgangen.

Künstlernamen? Jesus, Maria und Juan. Juan – das klingt ja fast wie Jupp, Josef also, zu schön, um wahr zu sein, aber ich schwöre, dass die Namen nicht erfunden sind.

Dann mussten die Drei weiter. Eine Krippe suchen? Nein, Quatsch, Jesus war ja schon dabei. Weihrauch? Höchstens einen café con leche. Oder, wenn schon, dann einen anständigen spanischen Rotwein. Was für wirre Gedanken. Morgen geh ich nicht mehr in die pralle Sonne.”

“Pass auf dich auf!”

Sogar Umarmungen gab es umsonst.

Sogar Umarmungen gab es umsonst.

Das war ja dann ein mehr als respektabler Abschied vom Spielort Danzig! Sechs Tore in 90 Minuten und die Tore auch noch richtig verteilt – Deutschland freut sich und die Fans werden sich nun Warschau anschauen.
Polen war nicht mehr dabei in diesem Viertelfinale, doch Polen hat dennoch gewonnen! Der Co-Gastgeber präsentierte sich modern, weltoffen, sympathisch. Kein Kollege, mit dem ich sprach, hatte irgendetwas zu bemängeln, viele denken daran, wiederzukommen. Ich komme seit vielen Jahren hier hin, ich weiß, wie schön das Land ist und wie gastfreundlich die Menschen.

Doch was mich besonders beeindruckt hat ist der erkennbare Wille vieler junger Polen, sich mit den Gästen aus dem Ausland zu unterhalten. Weil dies in ihrer Sprache zugegebenermaßen etwas schwierig ist (weil: die Sprache ist schwierig!), lernen sie viel intensiver als noch vor Jahren Englisch oder Deutsch. Sie öffnen sich der Welt – ich wünsche ihnen, dass ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt werden. Verdient hätte Polen es! Städte wie Krakau, Zakopane, Breslau, Posen, Warschau oder Danzig sind allemal eine Reise wert und die vielen versteckten Kleinode dazwischen sowieso!

Die deutsche Mannschaft bleibt also noch im Quartier in Oliwa, am Mittwoch geht es nach Warschau zum Halbfinale. Der Respekt vor der deutschen Elf ist groß in diesen Tagen, die griechischen Journalisten waren gestern regelrecht sprachlos ob der Vorführung, sie waren sich der Tatsache bewusst, dass nur deutsche Konzentrationsmängel ein Debakel für ihre Mannschaft verhindert hatten.

Wie die EURO sage auch ich Danzig heute “trzymaj sie” – das ist ein polnischer Abschiedsgruß und bedeutet so viel wie: “Pass auf dich auf!” Der kicker braucht mich ab Sonntag in Köln, ich freue mich auf die Heimat und denke gerne an die Zeit hier in Polen zurück.

Gebloggt wird weiter! Mit mir, Oli Bitter, Hardy Hasselbruch und den anderen Kollegen, die noch eine Woche bleiben und – wer weiß – vielleicht am kommenden Sonntag in Kiew vom Finale mit deutscher Beteiligung berichten. Warten wir’s ab!