“Pass auf dich auf!”

Sogar Umarmungen gab es umsonst.

Sogar Umarmungen gab es umsonst.

Das war ja dann ein mehr als respektabler Abschied vom Spielort Danzig! Sechs Tore in 90 Minuten und die Tore auch noch richtig verteilt – Deutschland freut sich und die Fans werden sich nun Warschau anschauen.
Polen war nicht mehr dabei in diesem Viertelfinale, doch Polen hat dennoch gewonnen! Der Co-Gastgeber präsentierte sich modern, weltoffen, sympathisch. Kein Kollege, mit dem ich sprach, hatte irgendetwas zu bemängeln, viele denken daran, wiederzukommen. Ich komme seit vielen Jahren hier hin, ich weiß, wie schön das Land ist und wie gastfreundlich die Menschen.

Doch was mich besonders beeindruckt hat ist der erkennbare Wille vieler junger Polen, sich mit den Gästen aus dem Ausland zu unterhalten. Weil dies in ihrer Sprache zugegebenermaßen etwas schwierig ist (weil: die Sprache ist schwierig!), lernen sie viel intensiver als noch vor Jahren Englisch oder Deutsch. Sie öffnen sich der Welt – ich wünsche ihnen, dass ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt werden. Verdient hätte Polen es! Städte wie Krakau, Zakopane, Breslau, Posen, Warschau oder Danzig sind allemal eine Reise wert und die vielen versteckten Kleinode dazwischen sowieso!

Die deutsche Mannschaft bleibt also noch im Quartier in Oliwa, am Mittwoch geht es nach Warschau zum Halbfinale. Der Respekt vor der deutschen Elf ist groß in diesen Tagen, die griechischen Journalisten waren gestern regelrecht sprachlos ob der Vorführung, sie waren sich der Tatsache bewusst, dass nur deutsche Konzentrationsmängel ein Debakel für ihre Mannschaft verhindert hatten.

Wie die EURO sage auch ich Danzig heute “trzymaj sie” – das ist ein polnischer Abschiedsgruß und bedeutet so viel wie: “Pass auf dich auf!” Der kicker braucht mich ab Sonntag in Köln, ich freue mich auf die Heimat und denke gerne an die Zeit hier in Polen zurück.

Gebloggt wird weiter! Mit mir, Oli Bitter, Hardy Hasselbruch und den anderen Kollegen, die noch eine Woche bleiben und – wer weiß – vielleicht am kommenden Sonntag in Kiew vom Finale mit deutscher Beteiligung berichten. Warten wir’s ab!

Torrichter völlig unschuldig?

Drin oder nicht drin

Der Ball war drin. Aber konnte der Torrichter es erkennen?

Die Diskussion über den “Torklau von Donezk” beherrschte die vergangenen Tage dieser EURO. Wir waren uns alle einig: Der Ungar an der Torauslinie hatte Palatschinken auf den Augen, diesen Treffer hätte er geben müssen. Sein Blickwinkel schien uns geradezu überragend und das Fehlverhalten beim Schuss von Dewic und der Rettungsaktion von Terry unfassbar.

Und dann erreichte uns gestern eine Mail von kicker-Leser Dirk P. Was er von Beruf ist, weiß ich nicht. Doch es muss irgendwas mit Mathematik oder Physik zu tun haben. Auf jeden Fall lieferte uns Herr P. eine völlig neue Sicht der Dinge, die ich niemandem vorenthalten und hier zur Diskussion stellen möchte.

Die Skizze zum Text

Die Skizze zum Text

“Die Diskussionen kochen über, ob die Maßnahme Torschiedsrichter (additional assistant refereee = AAR) greift, sowie ihn die UEFA installiert hat. Ich habe die Spielszene von Dienstag analysiert (rechnerisch) und kann sagen: Der AAR konnte kein Tor erkennen!!!

Wenn man sich die Bilder des Spiels England – Ukraine anschaut, so kann man erkennen, dass der AAR seinen Kopf und damit die Augen so positioniert hat, dass er zu keinem Moment den Ball hinter der Linie gesehen hat. Der Kopf des AAR blieb während der ganzen Flugbahn des Balls über die Torlinie und zurück (der Ball befand sich max. 10 cm hinter der Torlinie), LINKS also vor der Torlinie. Der 12 cm breite Torpfosten hat also die die Sicht versperrt.

Nach meinen Nachforschungen zu den Regeln der UEFA für den AAR ist es auch nicht genau spezifiziert, wo der AAR stehen muss. Zudem ist der Kontrast weiße Torlinie, weiße Pfosten nicht geeignet, die genaue Torlinie zu verfolgen.

Als letztes kommt noch die Geschwindigkeit des Balles, der bei 100 km/h für die 20 cm (hin und zurück) ca. 10 ms benötigte. Ein Augenzwinkern dauert z.B. 400 ms. Erst als der Ball wieder im 5-Meter-Raum zurückgeschossen wurde, kann man erkennen, dass der Kopf des AAR hinter das Tor schaut. Das ist leider Sekunden zu spät.

Ich habe damit den Beweis erbracht, dass aufgrund dieser gegebenen Voraussetzungen der Torrichter so viele Randbedingungen beachten muss, dass er im kritischen Fall (Worst Case) nicht die menschliche Fähigkeit besitzt, zwischen Tor oder Nicht-Tor zu entscheiden.”

So, und jetzt seid ihr dran!

PS: Herr P. hat inzwischen eine Skizze nachgereicht (siehe Foto im Text).

Noch fehlt der große Strom in Danzig

Kleiner Tipp: Wer morgen nach Danzig kommt und das hier vorher noch liest, der sollte einen Regenschirm einpacken. Hier wird, bei lauschigen 15 Grad, gerade die Ostsee wieder von oben aufgefüllt, morgen soll es ein wenig besser werden – 20 Grad bei Dauerregen.

Auf meinem Weg durch die historische Altstadt habe ich meine Landsleute vermisst. Klar, da hörte man hier und da ein deutsches Wort mehr als in den vergangenen Tagen. Doch der große Strom wird erst für Freitag erwartet. Kein Vergleich zu den Iren, die Danzigs historische Altstadt für eine Woche in Grün getaucht hatten. Und ihre Köpfe in die Biergläser.

Die leicht zur Übertreibung neigenden polnischen Medien sprechen von bis zu 50 000 deutschen Fans, die erwartet werden – ich kann mir diese Menge nach den Eindrücken von heute beim besten Willen nicht vorstellen. Das OK der Stadt Danzig rechnet mit rund 13 000 Anhängern der Nationalmannschaft im Stadion, möglicherweise wird morgen der Schwarzmarkt vor der Arena erblühen, weil Polen, die darauf setzten, dass ihre Mannschaft nach Danzig zum Viertelfinale kommt, die Tickets nun an Deutsche verkaufen wollen. Aber das ist Spekulation.

Ruhe herrschte auch bei der deutschen Fan-Botschaft, die ihren Wagen da parkte, wo bis vor zwei Tagen noch die Spanier standen. Ein paar deutsche Polizisten standen dort mit den polnischen Kollegen herum, alles in allem wirkte das sehr entspannt. Besondere Vorfälle gab es von keiner offiziellen Stelle zu vermelden. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Kwas für die nicht beachtete Gazelle

Man muss sich ja nicht immer über sich irrende Torlinien-Assistenten aufregen. Man kann auch mal weghören, wenn deutsche Nationalspieler die Journalisten zur Jubelarie auffordern. Wenn es bei mir so weit ist – und heute ist es so weit – dann schau ich immer sehnsuchtsvoll in meinen elektronischen Briefkasten und sende ein Stoßgebet in den Orbit Richtung Ukraine, genauer Donezk: “Uns’ren täglichen Obi gib uns heute!” Und tatsächlich: Die Bitte wurde erhört, Obi war wieder in Donezk unterwegs. Aber lest selbst:

“Ich hab ja mal wieder ein Ründchen gedreht. Morgens um halb Neun. Joggend. Schwitzend. Tief im Osten, in der EM-Außenstelle Donezk, ist es auch morgens ganz schön heiß. Trotzdem, ich hab mir 40 Minuten vorgenommen, am Klamius entlang, diesem wunderschönen Stausee, eigentlich ein Fluss. Vom fünften Stock in meinem Block also runter, auf den netten Boulevard, vorbei an Blumenrabatten, Spielplätzen und an hunderten Fans.

Hab ich mir wenigstens vorgestellt. Dass da die Leute sitzen, sich anstoßen und sagen: “Schau mal der. Ist das nicht dieser leichtfüßige Ami, dieser Rekordhalter, dessen Laufstil alle kopieren wollen?” Oder sie hätten bei meinem Anblick kurz ihr morgendliches Picknick unterbrochen, die Bierflasche zur Seite gestellt und gedacht: “Ein weißer Äthiopier, woow, wie eine Gazelle.”

Nein, klar, das geht denen am Allerwertesten vorbei, dass da einer bis zum Anschlag alles gibt am frühen Morgen. Und ich glaube auch, spätestens jetzt, nach dem Torklau von Donezk, nach dem Ausscheiden ihrer Jungs, ist das Interesse an der EURO stark erkaltet. Hier hattest du nie das Gefühl, dass ein sportliches Groß-Ereignis in dieser Metropole haltmacht. Ein paar blau-gelbe Flaggen sind an den Häusern und Autos zu sehen, ein paar Volunteers-Zelte, Piktogramme, um Stadion und Fan-Meile zu finden. Aber ansonsten: Njet, mein Freund, tote Hose.

Damit kommen wir zu den Engländern. Denen hätte mein Lauf gefallen. Da ist einer, der hat nicht viel drauf, aber der haut alles raus. Wie unsere Spieler, hätten sie vielleicht gedacht. Aber die Engländer sind weg, und damit lauter nette Jungs aus Leeds, Manchester und Hull, die hier im tiefen Osten friedlich gefeiert haben, soweit ich das beurteilen kann. Aber weil sich Ribery und Co. gegen Schweden so dämlich angestellt haben, sind die Tommies halt doch Gruppenerster geworden und ziehen nach Kiew weiter. Schade, boys, it was a pleasure.

Dafür kommen also die Franzosen. Die waren schon hier in dieser Super-Arena in Donezk, zumindest ihre Mannschaft, hat die Ukraine 2:0 geschlagen. Ach ja, Fans waren kaum dabei, vielleicht 500. Vielleicht hält die Franzosen die Sprachbarriere ab. Die Jungs aus Paris, Marseille oder Lille sind ja nun wirklich keine Sprachwunder und im Grunde genommen nicht daran interessiert, eine andere Sprache zu erlernen. Und der Ukrainer spricht eben auch keine brauchbare andere Sprache außer seiner eigenen und Russisch, schon gar nicht Französisch. Da schlürft also der Fan der Equipe Tricolore seinen Café au lait und seinen Pastis lieber daheim.

Vielleicht kommen ja jetzt ein paar, wenn es gegen den Welt- und Europameister geht. Wenigstens die spanischen Fans sind ja reichlich angerückt, zumindest zu den Gruppenspielen in Polen. Klar, kriegst du zu Hause die (Wirtschafts-) Krise, gehst du mit den Jungs auf Tour zum Fußball.

Rioja gegen Burgunder steigt hier am Samstag im Viertelfinale also, und da fällt mir noch was ein zum Thema Getränke.

Also zum Kwas. Oder Kwass oder Kvas oder Brottrunk. Ich hab neulich in Donezk ein Ründchen gedreht. Was tun gegen den Durst? Nicht schon wieder Wasser… Wie gerufen tauchte da eine Frau mit Kwas-Fass vor mir auf. Ein gelbes Fass mit einem Zapfhahn, der 0,3-Liter-Becher für drei Grywna, 30 Cent also. Das ist hier das übliche Getränk.

Bei Wikipedia hab ich gefunden: “Kwas wird meist aus Brot oder Zwieback hergestellt. Das Wort bedeutet so viel wie “saurer Trank” oder “Gegorenes”, da Kwas einen leicht säuerlichen Geschmack hat. Kwas enthält 0,05-1,44 Prozent Alkohol und hat, bedingt durch bestimmte Milchsäurebaktieren, eine verdauungsfördernde Wirkung.”

Müller sucht die Euphorie

Thomas Müller bei der Pressekonferenz

Thomas Müller bei der Pressekonferenz

Thomas Müller hat sich aufgeregt. Heute bei der Pressekonferenz. Auf kicker.de schön anzuschauen. Die deutschen Journalisten waren das Ziel seiner Einlassungen. Da sei ihm zu wenig Euphorie in der Berichterstattung, es sei komisch, dass so viele Fehler gesucht werden angesichts der blütenreinen Vorrunden-Bilanz in dieser problematischen Gruppe. Er würde sich positivere Berichterstattung wünschen und dann drohte er an, sich nicht schämen zu wollen, sollte es mit dem Titel tatsächlich klappen.

Hat Müller recht?

Ich denke nicht. Schämen muss er sich ebenso wenig wie die Journalisten. Die deutsche Mannschaft siegte in allen drei Gruppenspielen – das wurde entsprechend gewürdigt. Aber in fast 90 Minuten gegen Portugal und schätzungsweise jeweils 20 gegen Holland und Dänemark kam es zu Spielsituationen, die nachher alle Beteiligten – Trainer, Spieler und Journalisten – zum einhelligen Urteil gelangen ließen: Da ist noch Luft nach oben drin!
Dies ist nicht mehr und nicht weniger als die freundliche Umschreibung dafür, dass die 100 Prozent noch nicht erreicht wurden. Und wer die Leistungen analysiert, der wird dem Urteil nicht widersprechen.

Um Euphorie müssen sich nicht die Journalisten mühen. Sie sind im Idealfall keine Fans mit Trikot und Tröte. Diese Fans zu euphorisieren ist Aufgabe der Spieler, die allerdings mit der Gewissheit in jedes Spiel gehen können, dass ihre Bemühungen auch bei den Journalisten auf Resonanz stoßen werden, in dem Moment, wo sie ehrlich vorgetragen werden und womöglich noch erfolgreich sind.

Was Müller vielleicht meint: Die Pflicht wird zu wenig beachtet, alles wartet auf die Kür. Ball-Stafetten, Doppelpässe, Torchancen noch und nöcher. Aber es spielen ja, anders als beim Eiskunstlauf, die Gegner auch noch eine Rolle. Mit denen sollte er sich auseinander setzen. Wenn er und die Kollegen dies gut machen, dann kommt die Euphorie von ganz alleine. Ob mit oder ohne Zeitungen.

Ich sehe Stark eher als Opfer

Sergio Ramos bei der Arbeit

Sergio Ramos bei der Arbeit

Ich weiß, wie schwer es ist, Situationen während eines Fußballspiels richtig einzuordnen. Jeder, der mal ein Jugendspiel gepfiffen hat, kann ein Lied davon singen. Vom Männer-Fußball ganz zu schweigen.

Aber dass Spaniens Haudrauf Sergio Ramos gestern den Kroaten Mario Mandzukic mit gestrecktem Fuß und offener Sohle brachial wegfegte und dies wohl ziemlich sicher im Strafraum, das hätte man mitkriegen können. Zumindest aus zwei Metern Entfernung. Schiedsrichter Wolfgang Stark sehe ich da eher als Opfer. Aber sein Torlinien-Assistent (oder wie das heißt) Florian Meyer hatte freie Sicht, bei aller Schnelligkeit des Geschehens, der Mann ist Schiedsrichter und muss exakt auf diese Situationen geschult sein.

Ramos trifft auch den Ball, aber er nimmt billigend in Kauf, dass sein Gegenspieler verletzt wird. Ohne zu foulen wäre er nicht an den Ball gekommen. Es war ein Elfmeter! Und der Mann an der Toraus-Linie steht wie zur Salzsäule erstarrt da, macht keinen Mucks. Ich dachte, da haben sie einen aus dem Wachsfiguren-Kabinett hingestellt. Meine Frage: Wenn die nichts entscheiden dürfen, was machen die dann da? Umsonst ein Spiel gucken? Für Nix-Tun Kohle kassieren? Urlaub auf UEFA-Kosten? Ich werde es mal weiter beobachten!

Nachtrag von 20. Juni 2012 um 09:22:

Seit gestern Abend dürfen sich auch die Ukrainer einreihen in den Kreis derer, die noch länger und häufiger über Sinn und Unsinn des Torlinien-Assistenten diskutieren werden. Denn was sich der Kamerad aus Ungarn erlaubte, setzte der Angelegenheit vom Vortag noch einen drauf. Bei Devics Schuss und Terrys Rettungsaktion nicht zu sehen, dass der Ball hinter der Linie war, das war eine Kunst, die ganz hohe Schule. Er stand optimal zum Ball und der war im Tor, bevor Terry ihn wieder heraus beförderte. Schluss, Aus, Ende! Wahrscheinlich wird Oleh Blokhin für seine wütende Tirade gegen den Vierten Offiziellen durch die UEFA bestraft. Aber wer bestraft die wirklich Schuldigen?

Nachtrag von 20. Juni 2012 um 17:06:

Die Teams von Wolfgang Stark und Viktor Kassai, so gab die UEFA heute bekannt, werden heimgeschickt.

Zufall?

Donezk – Stadt der Zechen und Stabhochspringer

Showdown in Donezk! Heute will die Ukraine dort gegen England verhindern, dass beide Gastgeber-Nationen nur noch zuschauen. Die Polen, das muss der Neid ihnen lassen, tun dies mit Grandezza. Auch gestern Abend, beim spanischen “Dicke-Bretter-bohren” gegen wackere Kroaten hallte es wieder durch die Danziger Arena: “Polska – bialo-czerwoni”, ein Schlachtruf, ebenso laut wie trotzig, nach dem Motto: Wenn unsere Kicker schon nicht kicken können, können wir Fans wenigstens singen. Sie lassen sich ihre EURO nicht nehmen, die Polen und das ist gut so. Die Stimmung während des Spiels war hervorragend, anders als das Spiel über weite Strecken. Doch als ob die Fans nicht bereits genug gestraft worden wären, ging nach dem Spiel – als sich tausende Menschen zu Fuß auf den Weg vom Stadion in die Stadt aufmachten, ein Wolkenbruch nieder, der sich gewaschen hatte. Binnen Minuten stürzten die Temperaturen um mehr als zehn Grad, das Wasser stand auf den Straßen, Blitze zuckten und mitunter leuchtete Danzig taghell. Die Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Ambulanzen spielten dazu eine schrille Begleitmusik, immer wieder übertönt von mächtigen Donnerschlägen. Ich habe für die knapp fünf Kilometer vom Stadion bis zu meinem Appartement knapp eineinhalb Stunden gebraucht, mitunter legte sich der Regen wie ein Schleier über die Windschutzscheibe, die Wischer waren ohne echte Chance. Es war der Moment, in dem sogar die ansonsten eher rücksichtslos agierenden polnischen Autofahrer Vorsicht walten ließen. Obwohl ich zeitweise eher kroch als fuhr, wurde ich nur einmal überholt.

Aber ich schweife ab, das Wort hat der Abgeordnete Bitter:

Oliver Bitter auf dem Gebrauchtwagenmarkt in Donezk

Oliver Bitter auf dem Gebrauchtwagenmarkt in Donezk

“So richtig lieb haben die ukrainischen Kicker (und ihre Fans) den Austragungsort Donezk nicht. Fünf Mal sind sie hier angetreten, fünf Mal haben sie verloren, eine runde Bilanz. Aber: Ein Sieg gegen England könnte die Zuneigung im Lande zu diesem Fünf-Sterne-Stadion deutlich steigern. Im möglichen Viertel- und auch Halbfinale würden die Co-Gastgeber ebenfalls hier in meiner Interims-Heimat antreten. Dann würde hier in dieser adretten Stadt (von wegen: Industriestadt) mit überaschend viel Grün und etlichen Parks vielleicht mal so etwas wie Euro-Stimmung aufkommen. Die haben bisher höchstens die Engländer verbreitet, ansonsten herrscht hier eher tote Hose.

Vor dem Showdown mit den Three Lions hab ich mal wieder ein kleines Ründchen gedreht. Vom fünften Stock meines Grau-in-grau-Wohnblocks kann ich gegenüber auf dem Hügel einen Förderturm erspähen; da wollte ich unbedingt hin. Heimatgefühle – auch wenn ich aus Düsseldorf komme, das bekanntlich n-i-c-h-t zum Ruhrgebiet gehört. Aber berufsbedingt halte ich mich ab und zu auf Schalke, in Dortmund, Duisburg oder Bochum auf, also ist der Anblick eines Zechengeländes kein ungewohnter. Bei uns werden diese Industrieparks ja mittlerweile oft zu Kulturzwecken genutzt wie die Zeche Zollverein, und das Open-Air-Kino im Landschaftspark Duisburg-Nord ist vom Allerfeinsten.

Jetzt will ich drinnen ein paar Fotos machen und marschiere munter durch das Drehkreuz, da stoppt mich ein kräftiger Bursche mit blitzendem Goldzahn, mittig, oben. Ich sage „Foto“ und will weiter, er sagt „Njet“ und ruft einen Kollegen mit dicker Plauze, der zwar ebenfalls kein Englisch kann, aber genau weiß, dass er mich nicht reinlassen will. Ich trolle mich und bin jetzt erst recht neugierig. Suchen die hier Gold, oder wird hier etwa ne Atombombe gebaut? Draußen keine Chance, eine hohe Mauer mit diesem ganz ekligen Stacheldrahtzaun obendrauf, aber jetzt will ich mich nicht von Goldzahn und Plauze abhalten lassen.

Ich schlendere über einen Parkplatz, um meine Fotos schießen zu können, plötzlich sehe ich, dass hier Gebrauchtwagen verscherbelt werden. Ein oller roter Mercedes 250 Diesel zum Beispiel, Baujahr 1987 steht da, 256.000 km auf der Uhr, mit schwarz-roten Lederpolstern. Bestimmt cool, damit freitags über die Düsseldorfer Kö zu cruisen. Nur: Die Kiste soll noch 5500 Euro kosten – spinnen die?

Bubkas Denkmal in Donezk

Bubkas Denkmal in Donezk

Aber ich schweife ab. Ich suche weiter nach der Lücke in der gegnerischen Abwehr, dann sehe ich ein offenes Türchen zum Zechengleände und schlängele mich durch wie einst Kobra Jürgen Wegmann durch des Gegners Deckung. Ich mache also meine Fotos, schöne Födertürme, da trifft mich der Ruf eines Aufsehers bis ins Mark. Dieses „Stoi“ kennt man ja aus alten Filmen, wenn der deutsche Kriegsgefangene sich gerade vom Acker machen will, aber der russische Aufseher hat ihn gesehen und entsichert schon seine Knarre. Auch ohne Wumme reichen seine Beschimpfungen zu einer latenten Gänsehaut auf meinen Armen, ich labere wieder was von Foto, da ruft Plauze einen anderen Kollegen. Der versteht auch kein Wort, ist aber mega-freundlich, fragt: „Stadium?“, als würde ich auf dem Zechengelände den Weg zur Donbass-Arena suchen. „Klar“, behaupte ich frech, „football“. Da zeigt er mir den Weg zur Straße (als hätte ich den allein nicht gewusst!), winkt, und als er lächelt, blitzen oben zwei Goldzähne. Bestimmt der Oberboss, denke ich und ziehe ab, „Tief im Westen“ von Herbert Grönemeyer summend, passt ja zur Umgebung.

Ach ja, hier geht’s ja auch um Sport. Bekanntester Sportler von Donezk? Weiß jeder, klar, Sergej Bubka. Seit Tagen suche ich sein Denkmal, neben dem Stadion steht es, hat mir ein freundlicher Mann erzählt. Aber neben welchem? Nicht beim alten Schachtar-Stadion, wo ich im Februar 2005 für den kicker mal einen Schalker UEFA-Cup-Auftritt sah, ein 1:1, damals noch mit Ailton und einem starken Frank Rost im Tor. Auch nicht an der Donbass-Arena, aber gleich daneben, am sogenannten Stadion “Lokomotive”. Hab’s dann auch gefunden. Die Platte, auf der Meister Bubka mit seinem Stab steht, ist sinnigerweise 6,15 Meter über dem Boden angebracht, in seiner Rekordhöhe also. Stehst du daneben, dann denkst du: Wow, Respekt, Gospodin Bubka, alter Stabhochschwinger. Den durfte ich übrigens auch ganz einfach so fotografieren. Ohne böse Aufseher überlisten zu müssen.”

Blokhin oder Blokhina, wer kommt weiter im Turnier?

Oleh Blokhin

Oleh Blokhin

Nun hat Jogi Löw, dem wir an dieser Stelle zunächst einmal herzlich zum Einzug ins Viertelfinale gratulieren (gutes Auge mit Bender gehabt, sehr gutes Auge!!!), ja keine Tochter. Aber stellen wir uns mal vor, er hätte eine und die säße Abend für Abend in der Expertenrunde, die uns zwischen den Spielen die Möglichkeit verschafft, ohne die Angst, etwas verpassen zu können, Bier zu holen oder wegzubringen. Unvorstellbar? Für uns ja. Für die Ukrainer ist das Alltag. Kollege Hardy Hasselbruch hat sich mal wieder aus Kiew gemeldet:

“Was für eine bunte Angelegenheit. Knalliges Gelb, aggressives Blau – das Studio von kanalukraine.tv hält, was der Name verspricht. Die Landesfarben beherrschen alles. Eine Woche hat man hier in Kiew nichts anderes gesehen als diese Farben. Die Ukrainer und etwa 20000 Schweden bestimmten das Stadtbild. Seit dieser Woche weiß ich sogar, warum die beiden Nationen die gleichen Farben tragen. Die sind doch tatsächlich mal Seite an Seite in den Krieg gezogen. Hatte noch nie was davon gehört. Vielleicht habe ich ja mal im Geschichtsunterricht gepennt, vielleicht hatten der Pauker oder das Curriculum die „Schlacht bei Poltawa“ nicht auf dem Plan. 1709, da war selbst ich als alter Mann noch nicht geboren, kämpften die Skandinavier und die Ukraine gegen Russland, eine der wichtigsten Schlachten des Großen Nordischen Krieges, sie stellte den Wendepunkt des Krieges zugunsten der antischwedischen Koalition dar! Sagt Wikipedia. Selbst Oleg Blokhin wurde auf diese Historie in der Pressekonferenz vor dem Duell der Gelb-Blauen angesprochen. Antworten wollte er auf die Frage nach der alten Allianz nicht, obwohl der artige junge Kollege aus Poltawa ihm ein dickes Buch dazu schenkte.

Apropos Blokhin: Hier in Kiew laufen heiße Wetten. Die Frage aller Fragen: Blokhin oder Blokhina, wer kommt weiter im Turnier? Blokhina – ja wirklich, die weibliche Form des ukrainischen Namens. Die Dame ist tatsächlich sehr präsent. Als Blickfang. Weniger als Moderatorin. Ein Augenschmaus, wenn man so will. Sie sitzt Abend für Abend mit in der Talkrunde, mit denen die Spiele umrahmt werden. Bei ihrem kecken Augenaufschlag merkt selbst das Fußball geschädigte Auge nach Mitternacht noch mal auf.

Auch wenn die Dame eigentlich dort nur Deko ist – aber glotzen darf man ja, verstehen tut man eh nichts. Gegen das breite Lächeln von Irina, so heißt Olegs Tocher und um diese Dame geht es hier, verblasste nach dem Deutschland-Spiel gegen Dänemark selbst das perfekte Kukident-Lächeln von Studiogast Jean-Marie Pfaff. Und dem Trainer Blokhin ist’s herzlich egal, was die Tochter Blokhina so treibt. „Sie steht auf eigenen Beinen, muss selbst entscheiden, was sie machen will“, sagt Oleg und kann sich ein hintergründiges, aber mildes Lächeln nicht verkneifen. Die typische Vater-Tochter-Beziehung!?”

Polen raus – Junge, Junge, war das mau!

Polen trauert

Polen trauert

Sch…e! Mein Traum von Viertelfinale Deutschland gegen Polen ist geplatzt. Was für eine polnische Blamage gegen schwache Tschechen! Mein Schwiegervater kann „bialo-czerwony“ in den Schrank legen und „schwarz-rot-gold“ rausholen. Und Borussia Dortmund? Sollte als Lehre aus dieser Gruppenphase der EURO mitnehmen, dass die drei polnischen Nationalspieler – diese „Hochgeschwindigkeitsfußballer“, diese Profis an der „Schwelle zur Weltklasse“ – den Deutschen Meister auf dem Weg ins Achtelfinale der Champions League auch nicht unbedingt weiter bringen. Junge, Junge, war das mau!

Ob „Kuba“, „Pische“ oder „Lewa“ – das war eben höchstens einem 62. der FIFA-Weltrangliste (diesen Platz belegt Polen) angemessen! Mehr aber auch nicht. Also Jungs, wenn ihr den BVB demnächst mal wieder mit besseren Angeboten konfrontieren wollt – denkt vorher nach, schaut Euch noch einmal in Ruhe die Spiele der EURO an, schickt Eure Berater ins Kino und geht selbst in die Dorfkirche. Ihr werdet sehen: Sie steht sicher noch!

Es schüttelt mich angesichts der Leistungen der Polen. Drei Spiele, kein Sieg, zwei Tore. Ansonsten: Kein Mumm, kein Herz, keine Überzeugung. Das war exakt der Fußball, der die Verantwortlichen eines Verbandes dazu bringen müsste, nachzudenken und alles auf den Prüfstand zu stellen, alle Strukturen zu ändern, völlig von vorne zu beginnen. Ich fürchte jedoch, es bleibt in meinem Lieblingsland bei den üblichen Schuldzuweisungen, die Bosse kleben am Stuhl oder werden von den nächsten Nichts-Könnern abgelöst.

Und die Russen? Als sibirischer Tiger ins Turnier abgesprungen, als synthetischer Bettvorleger gelandet! Das ist Wahnsinn! Und auch ein Lehrstück für uns Journalisten. Nach dem 4:1 zum Turnierauftakt gegen Tschechien handelte man die Russen als Mit- oder Geheimfavoriten. Und ebenso stringent kanzelte man die Tschechen als Verlierer ab. Und jetzt? Ich bleibe dabei: Wir bewerten einfach zu schnell. Nach jedem Spiel wird abgeurteilt, weiter geht der Horizont oft nicht. Und wer gestern verurteilt wurde, der wird morgen gefeiert. Fußball ist ein Tagesgeschäft. Lassen wir uns darauf einigen. Aber bitte während solcher Turniere die Urteile für die Ewigkeit aufsparen. Denn sie sind meistens das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden!

Kippt die Stimmung vor dem Gang ins Wohnzimmer der Spanier?

kicker-Chefreporter Carlo Wild befragt Desiré Tey

kicker-Chefreporter Carlo Wild befragt Desiré Tey

Ich weiß ja nicht, ob ich das überinterpretiere. Aber ich hatte heute Morgen während der Pressekonferenz mit Oliver Bierhoff den Eindruck, der Nationalmannschafts-Manager sorge sich ein wenig um die Stimmung im Kader. 14 Spieler setzte Joachim Löw bisher ein, neun Akteure schauen bislang also zu. Lediglich Miroslav Klose, Toni Kroos und Lars Bender verbuchten bisher Kurzeinsätze. Das ist zweifelsohne eine Situation, die Zündstoff birgt.

Es wird viel darüber diskutiert, ob und wie lange das gut geht. Der Bundestrainer betonte bereits während der Vorbereitung in Frankreich, dass der Kader auch danach ausgesucht wurde, dass keine Quertreiber, keine Miesmacher und Stimmungstöter dabei sind. Wie dünn das Eis ist, auf dem man geht, zeigt die Reaktion auf eine eigentlich harmlose Aussage von Toni Kroos. Der Münchener hatte in einem Interview mit der “tz” gesagt, dass fußballerisch im Spiel der Mannschaft noch Luft nach oben ist. Jeder weiß, dass er Recht hat. Doch viele stellten die Frage, ob er diese Aussage tätigen darf.

Er darf, befand Bierhoff, “da soll man nicht zu empfindlich sein.” Die Spieler, die nicht oder wenig spielen, seien schwer bei Laune zu halten. Er empfahl, den Frust auch mal einen halben Tag mit sich zu tragen. Aber: “Das darf nie auf die Mannschaft abstrahlen!” Zwei Spiele sind gespielt, im Idealfall kommen noch vier dazu – und eine Menge Überzeugungsarbeit auf die Verantwortlichen. Bierhoffs Rat an die Trainer: “Jeder Spieler muss merken, dass er eine reelle Chance hat!”

Klappt es mit dem Gruppensieg, spielt Deutschland bekanntlich sein Viertelfinale in Danzig. Die Baltic-Arena ist ja während der Vorrunde das “Wohnzimmer” der Spanier und die spanischen Fans bilden schon eine feste und sympathische Größe im Stadtbild. Es sind oft ganze Familien, die den Weg nach Polen gefunden haben. Direkt hinter dem “Goldenen Tor”, vor dem Eingang zur “Großen Marktstraße” parkt der Bus der “Embajada de Aficionados Espana”, der spanischen Fan-Botschaft.

Desiré Tey aus Cadiz steht hier und versucht, den Fans zu helfen, wo es nur geht. Ob Ärzte, Krankenhäuser, Polizei oder Konsulat – Desiré kennt Adressen und Wege. “Wir sind kein touristischer Ratgeber, wir wollen helfen, wenn Hilfe benötigt wird”, erklärt sie. Je näher es auf ein Spiel zugeht, desto mehr ist zu tun. Dass ab Montag möglicherweise der deutsche Fan-Bus neben ihrem parkt, stört sie nicht: “Ich mag die Deutschen, sehr nette Leute.” Auch die deutschen Fußballer? “Si, claro!” lacht sie, “aber die Spanier sind besser!” Und wen, fragt mein des Spanischen mächtiger Kollege Carlo Wild, mag sie besonders aus dem Team des Welt- und Europameisters? “Casillas!” Und Iniesta, Xavi und natürlich “Torrrrrrrrrrrrrrrrres!” Der hat sich mit seinen zwei Treffern gegen Irland wieder in die Herzen der Spanier geschossen. Desiré ist sicher: “Wir werden Champion!” Und Deutschland? “Wir sehen uns im Finale. Aber da ist nichts zu holen für Euch!” Frauen!